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Was ist ein Unternehmen wert, wenn morgen seine wichtigsten Mitarbeiter gehen?

Unternehmenswerte lassen sich vermeintlich gut messen. Gebäude, Maschinen, Fuhrpark, Patente, Software, Kundenverträge und liquide Mittel finden sich in Bilanzen, Bewertungen und Berichten wieder.

Ein Teil des tatsächlichen Unternehmenswertes taucht dort jedoch nur sehr eingeschränkt auf. Das Wissen der Menschen!
In vielen Unternehmen gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die über Jahre oder Jahrzehnte Wissen aufgebaut haben, das kaum dokumentiert ist. Sie kennen Kunden, interne Abläufe, technische Besonderheiten, historische Entscheidungen und oft auch die kleinen informellen Wege, die dafür sorgen, dass Prozesse im Alltag funktionieren. Solange diese Personen im Unternehmen sind, fällt diese Abhängigkeit häufig kaum auf. Interessant wird es erst, wenn jemand plötzlich nicht mehr verfügbar ist.

Ein langjähriger Vertriebsmitarbeiter wechselt das Unternehmen und nimmt ein gewachsenes Netzwerk an Kundenkontakten mit. Eine Spezialistin geht in Pension und niemand kennt bestimmte Prozesse so genau wie sie. Ein Mitarbeiter fällt krankheitsbedingt länger aus und plötzlich stellt sich heraus, dass wichtige Abläufe nur deshalb funktioniert haben, weil er persönlich wusste, was zu tun war. Das Unternehmen verliert dabei vielleicht keine Maschine und kein Gebäude, trotzdem kann innerhalb kurzer Zeit erheblicher wirtschaftlicher Wert verloren gehen.

Wissen ist Vermögen, aber häufig ohne klare Eigentumsverhältnisse

Unternehmen investieren viel Geld in Systeme, Technologien und Infrastruktur. Gleichzeitig wird ein erheblicher Teil der täglichen Wertschöpfung von Wissen getragen, das an einzelne Personen gebunden ist. Besonders kritisch wird es dort, wo mehrere Faktoren zusammenkommen. Ein Mitarbeiter besitzt spezielles Fachwissen, betreut wichtige Kunden, kennt historische Zusammenhänge und ist gleichzeitig die einzige Person, die einen bestimmten Prozess vollständig versteht. Auf dem Organigramm sieht das möglicherweise völlig unauffällig aus.

Aus Sicht des Risikomanagements entsteht jedoch eine erhebliche Abhängigkeit. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie viele Mitarbeiter ein Unternehmen beschäftigt. Viel wichtiger ist die Frage wie viel Wissen, Umsatz oder operative Stabilität hängt an einzelnen Personen?

Auch Kundenbeziehungen können personenabhängig sein

Besonders sichtbar wird dieses Thema im Vertrieb. Unternehmen besitzen zwar Verträge mit ihren Kunden, die tatsächliche Beziehung besteht aber häufig zwischen Menschen. Ein Ansprechpartner kennt die Entscheidungswege beim Kunden, versteht dessen Erwartungen und weiß vielleicht sogar, wie Konflikte gelöst werden können, bevor sie entstehen. Verlässt diese Person das Unternehmen, bleibt der Vertrag bestehen. Die Beziehung möglicherweise nicht.

Ähnliches gilt für Einkauf, IT, Produktion, Finance oder Management. Je spezialisierter eine Rolle ist, desto größer kann die Abhängigkeit vom Wissen einzelner Personen werden. Damit wird Personalrisiko gleichzeitig zu Kundenrisiko, Prozessrisiko und teilweise sogar zu Liquiditätsrisiko.

Das Problem beginnt meist lange vor der Kündigung

Unternehmen reagieren auf den Verlust einer Schlüsselperson häufig erst dann, wenn die Kündigung bereits am Tisch liegt. Eigentlich müsste die entscheidende Frage wesentlich früher gestellt werden. Was passiert, wenn diese Person morgen nicht mehr verfügbar ist? Nicht nur wegen einer Kündigung. Auch Krankheit, Pensionierung, Karenz, interne Versetzung oder persönliche Veränderungen können dazu führen, dass Wissen kurzfristig fehlt. Eine robuste Organisation erkennt solche Abhängigkeiten frühzeitig.

Wissen wird dokumentiert. Verantwortlichkeiten werden verteilt. Kundenkontakte liegen nicht ausschließlich bei einer Person. Vertretungen kennen nicht nur theoretisch ihre Aufgaben, sondern können Prozesse tatsächlich übernehmen. Das klingt zunächst nach Organisation. In Wahrheit ist es Risikomanagement.

Unternehmensrisiken werden zunehmend unsichtbar

Das Thema zeigt auch, wie sehr sich Unternehmensrisiken verändern. Früher waren viele Risiken sichtbar. Eine Maschine konnte ausfallen. Ein Lager konnte abbrennen. Eine Produktionsanlage konnte stillstehen. Heute liegen viele Risiken in Daten, Software, Beziehungen, Wissen und Abhängigkeiten. Diese Werte lassen sich schwieriger messen. Dadurch werden sie aber nicht weniger wichtig. Für Geschäftsführungen, Investoren, Banken und Geschäftspartner wird es deshalb zunehmend entscheidend, Unternehmen nicht ausschließlich anhand klassischer Bilanzpositionen zu beurteilen. Auch die organisatorische Stabilität spielt eine Rolle.

Vielleicht sitzt ein Teil des Unternehmenswertes gerade am Schreibtisch nebenan

Bei Unternehmensbewertungen denkt man häufig zuerst an Kapital, Vermögen und Ertragskraft. Vielleicht sollte man künftig stärker berücksichtigen, wie viel wirtschaftlicher Wert in den Menschen steckt, die ein Unternehmen jeden Tag am Laufen halten. Denn manche der wertvollsten Vermögenswerte stehen in keiner Bilanz. Sie kommen morgens ins Unternehmen, treffen Entscheidungen, lösen Probleme, pflegen Beziehungen und nehmen einen Teil dieses Wissens am Abend wieder mit nach Hause.

Text: Creditreform Österreich
Foto: Adobe Stock - Nimra

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Mag. Gerhard M. Weinhofer
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