What if ...?

Folgen eines harten Brexits für die EU-27-Staaten

Der Countdown läuft. Am 29. März 2019 wird das Vereinigte Königreich (UK) die Europäische Union (EU) verlassen. Ob es der britischen Regierung und der EU bis dahin gelingt ihre zukünftigen Beziehungen vertraglich zu regeln, oder ob es zu einem ungeordneten, einem so genannten „harten“ Brexit kommt, erscheint momentan ungewisser denn je. Der inzwischen mehr als zwei Jahre andauernde Verhandlungsprozess ist noch immer nicht zu einem Abschluss gekommen. Zuletzt haben sich sowohl die Fronten zwischen UK und der EU, als auch innerhalb des britischen Parlaments verhärtet. Am 15. Januar wurde ein von Premierministerin May mit der EU Kommission verhandelter Vertragsentwurf vom Unterhaus mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Die Europäer lassen ihrerseits wenig Bereitschaft zu weiteren Konzessionen erkennen, somit ist ein ungeordneter Austritt in den vergangenen Wochen wahrscheinlicher geworden.

Die fortwährende Diskussion um den Brexit sorgt für erhebliche Unsicherheit. Beispielsweise haben Umfragen im britischen Verarbeitenden Gewerbe ergeben, dass Unternehmen ihre Lagerbestände vorsorglich aufstocken, um sich auf mögliche Störungen der Lieferkette im Falle eines "No Deal- Brexits“ vorzubereiten. Bereits jetzt liegen Anzeichen dafür vor, dass die anhaltende Unsicherheit über den weiteren Fortgang der Brexit-Verhandlungen das Wirtschaftswachstum in UK spürbar ausbremst. Nachdem im dritten Quartal mit 0,6% (gg. Vq.) noch ein lebhaftes Wachstum verzeichnet wurde, stagnierte die britische Wirtschaft zum Jahresende nahezu und expandierte um nur noch 0,2%. Auf Basis der monatlichen BIP-Werte ergab sich im Dezember 2018 mit 1,0% (gg. Vj.) das niedrigste Wachstum seit August 2013. 

Neben den Investitionen des privaten Unternehmenssektors, die sich bereits das vierte Quartal in Folge rückläufig entwickelten, verlor auch der Außenhandel im Zuge der schwächeren Weltkonjunktur deutlich an Fahrt. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte legten zwar erneut verhalten zu (+0,4% gg. Vq.), allerdings trübte sich das Verbrauchervertrauen weiter ein und fiel auf den niedrigsten Stand seit Ende 2013. Insgesamt dürfte die britische Wirtschaft in 2018 mit jahresdurchschnittlich 1,4% so schwach gewachsen sein wie zuletzt 2012.

Unbestritten ist, dass die britische Wirtschaft im Falle eines harten Brexits noch deutlich gravierender leiden würde als dies bislang bereits der Fall ist. Schätzungen der Bank of England zufolge könnte das reale BIP in diesem Fall binnen eines Jahres um bis zu 8% schrumpfen, während Inflation und Arbeitslosigkeit signifikant auf bis zu 6,5 bzw. 7,5% ansteigen dürften. Gleichzeitig könnten Häuserpreise um 30% einbrechen – die Preise gewerblicher Immobilien sogar um 48%.

Abb. 1: Brexit Risiko Indikator: Daten und Datenquellen

Abb. 2: Brexit-Optionen

Doch mit welchen Auswirkungen hätten die verbleibenden EU Mitgliedsstaaten in diesem Fall zu rechnen? Wirtschaftlich ist das europäische Festland eng mit UK verflochten. Grenzüberschreitende Lieferketten, Finanzströme und Investitionen sind derzeit ebenso europäische Normalität wie eine beträchtliche Zahl von Arbeitsmigranten, die außerhalb ihrer Heimatländer leben. Vor diesem Hintergrund hat ein Austritt ohne Übergangsregelungen das Potential auch außerhalb des Vereinigten Königreichs für beträchtliche Verwerfungen zu sorgen. Allerdings gestalten sich die bilateralen Verflechtungen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten und UK höchst unterschiedlich. Entsprechend dürften die wirtschaftlichen Auswirkungen eines harten Brexits nicht nur unterschiedlich stark ausfallen, auch die Wirkungskanäle unterscheiden sich erheblich. Dabei hängt das länderspezifische UK-Exposure stark davon ab, in welchem Ausmaß ein Land im wirtschaftlichen Austausch mit UK von der derzeit geltenden Freizügigkeit innerhalb der EU profitiert. Folglich haben wir uns bei der Auswahl der Indikatoren an den vier Grundfreiheiten der EU orientiert:

1.     Freier Warenverkehr

2.     Freier Personenverkehr

3.     Dienstleistungsfreiheit

4.     Freier Kapitalverkehr

Die wirtschaftliche Bedeutung des Handels mit UK wird in den einzelnen EU-27 Staaten erfasst, indem wir das Exportvolumen von Waren und Dienstleistungen ins Verhältnis zur nationalen Wirtschaftsleistung setzen, gleichermaßen bestimmen wir die Höhe der finanziellen Forderungen heimischer MFIs (Monetary Financial Institutions) gegenüber dem britischen Finanzsektor (1. & 3.). Der Anteil der Staatsbürger eines Landes, die derzeit im Vereinigten Königreich leben, dient als Indikator für das Ausmaß in dem ein Land von Arbeitsmigration und damit von der Personenfreizügigkeit profitiert (2.). Der Grad der finanziellen Verflechtung mit der britischen Wirtschaft wird über die Direktinvestitionen in UK gemessen am nationalen BIP operationalisiert (4.).

Abb. 3: Brexit-Impact auf die verbleibenden EU-Staaten

Um zu bestimmen, welche Länder ein harter Brexit am empfindlichsten treffen würde, haben wir als Risikomaß den Brexit Risiko Indikator (BRI) entwickelt. Der BRI ist die Summe der vier Komponenten Direktinvestitionen, Export, Finanzsektor und Migration und bewegt sich auf einer Skala von 0,16 bis 4, wobei steigende BRI-Werte ein höheres Brexit-Risiko für die jeweilige Volkswirtschaft signalisieren. 

Die BRI-Komponenten können Werte zwischen 0,04 und 1 annehmen. Die Indexwerte der Subkomponenten ergeben sich aus dem Rang innerhalb der EU-27, der sich aus dem Risiko-Exposure ableitet, das aus Direktinvestitionen in UK, Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen nach UK, Forderungen gegen in UK ansässigen MFIs sowie dem Anteil an nach UK migrierten Staatsangehörigen resultiert.

Der BRI gibt eine grobe Indikation bezüglich der potenziellen ökonomischen Folgen des Brexits, in dem er verschiedene Risikodimensionen aufzeigt und länderspezifische Verwundbarkeiten offenlegt. Der Risikoindikator signalisiert, in welchen Volkswirtschaften mit den größten wirtschaftlichen Schäden zu rechnen ist, und über welche Wirkungskanäle die jeweilige Wirtschaft getroffen werden dürfte – ohne dies jedoch in Form einer Prognose des realen BIP zu quantifizieren.

Abb. 4: Die vier Dimensionen des Brexit Risiko Indikators im Vergleich

Wir haben eine risikozentrierte Sichtweise eingenommen, die vom Worst Case, d.h. einem unmittelbaren EU-Austritt ohne Übergangsregelungen und neue Handelsverträge ausgeht und potentielle wirtschaftliche Chancen, ausblendet. Sollte es etwa zu einer Wiedereinführung von Zöllen zwischen UK und der EU kommen, so könnten andere europäische Staaten auf Kosten des Vereinigten Königreichs Exportmarktanteile gewinnen. Mittelfristig könnten durch die Abwanderung von Finanzinstituten aus London auch die Finanzplätze in Kontinentaleuropa vom Brexit profitieren. Das von uns unterstellte so genannte WTO-Szenario hätte ökonomisch fraglos die gravierendsten Folgen, ist jedoch nur eine unter mehreren, denkbaren Politikoptionen. Letztendlich wird entscheidend sein, auf wieviel politische Autonomie die britische Regierung für einen möglichst freien Handel und Kapitalverkehr bereit ist zu verzichten. 

Insgesamt wäre die irische Wirtschaft am stärksten von einem harten Brexit betroffen. Ein BRI von 3,81 ist gleichbedeutend mit dem Spitzenplatz im Risikoranking. Der Blick auf die einzelnen Risikoindikatoren verdeutlicht, dass Irland in den Bereichen Migration und Handel unter allen verbleibenden 27 EU-Mitgliedern am stärksten exponiert ist. In 2017 lebten 334.500 oder 7,9% der irischen Staatsbürger in UK. Kein anderes EU-Land wäre somit bei einem Ende der Arbeitnehmerfreizügigkeit vor größere Herausforderungen gestellt. Ähnlich stellt sich die Situation bei den Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen dar. Mit einem Anteil von 14,3% am BIP waren die irischen Exporte ins Vereinigte Königreich in 2017 die höchsten in der EU. Für die Nachbarinsel ist UK der zweitwichtigste Exportmarkt für Waren und der wichtigste für Dienstleistungen. Sollte nach dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs zwischen der Republik Irland und Nordirland eine harte Grenze entstehen oder es zur Einführung neuer Zölle und nicht-tarifärer Handelshemmnissen kommen, dürfte dies die irischen Exporte und damit das Wirtschaftswachstum spürbar in Mitleidenschaft ziehen. Wie die Realwirtschaft hat auch der irische Finanzsektor ein beträchtliches UK-Exposure. Zum Jahresende 2017 beliefen sich die Verbindlichkeiten britischer MFIs gegenüber irischen Finanzinstituten auf 60% des irischen BIP und entsprachen damit dem zweithöchsten Wert innerhalb der EU-27.

Abb. 5: Brexit Heatmap

Abb. 6: Basisdaten Brexit-Risikoindikator

Disclaimer

Autor

Creditreform Rating AG
Dr. Benjamin Mohr
Chefvolkswirt
E-Mail: b.mohr@creditreform-rating.de

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