Kredit nach Nutzung

Die Digitalisierung macht’s möglich: Beim sogenannten Pay-per-Use-Kredit orientiert sich die Finanzierung an den Produktionsdaten der vernetzten Maschine. Je nach Auslastung steigt oder sinkt auch die Tilgungsrate. Das bietet Unternehmen mehr Planungssicherheit.

Sven Hartwich hat die Zahlen immer im Blick. „Unsere Maschinen produzieren bis zu 100.000 Teile im Monat. Die Anzahl kann je nach Auftragslage variieren. Einmal haben wir nur etwa die Hälfte geschafft“, sagt der kaufmännische Leiter des Automobilzulieferers KMB Technologie. Die tatsächlich monatlich erreichte Stückzahl interessiert nicht nur ihn, sondern auch die Commerzbank. Denn bei ihr hat das Unternehmen aus Zerbst in Sachsen-Anhalt einen Kredit aufgenommen, um die drei neuen Maschinen, die zusammen mehr als eine halbe Million Euro kosten, zu finanzieren.

Tilgung nach Auslastung

Die Bank hat im vergangenen Jahr als erstes deutsches Geldhaus einem Firmenkunden einen sogenannten Pay-per-Use-Kredit angeboten. Die Digitalisierung macht’s möglich. Denn die Finanzierung orientiert sich an den Nutzungsdaten der Maschinen, in die investiert wurde. Dazu werden monatlich die Stückzahlen der mit dem Internet der Dinge vernetzten Maschinen an die Commerzbank übermittelt. Die Tilgungsrate des Kredits errechnet sich aus der Auslastung des Investitionsgutes: Ist sie gering, sinkt auch die Tilgung bis hin zur Halbierung der laufenden Raten. Das schont auf der einen Seite die Liquidität des Kreditnehmers, hat aber auf der anderen Seite auch Einfluss auf die Restschuld nach Ablauf der Kreditlaufzeit. Im besten Fall tilgt sich der Kredit aus den laufenden Erlösen der Produktion.

Voraussetzung dafür, dass das Konstrukt funktioniert, ist Offenheit. Wenn die Bank Produktionsdaten erhält, kann sie Rückschlüsse auf die Geschäftslage ziehen. Doch die Bereitschaft mittelständischer Industrieunternehmen, Kreditgebern Echtzeitdaten aus ihrer Produktion zur Verfügung zu stellen, steigt. In einer Studie der TU Darmstadt im Auftrag des Fintechs Creditshelf antworteten 90 Prozent der Befragten, dass sie sich durchaus vorstellen können, Kreditgeber durch diese Offenheit von einer Investition überzeugen zu können. Gleichzeitig erhoffen sie sich schnellere Kreditzusagen sowie flexiblere Laufzeiten und Modalitäten.

Für Sven Hartwich macht genau das den Charme des Pay-per-Use-Kredits aus. „Wenn es mal schlechter läuft als gedacht und wir weniger Umsatz erzielen, müssen wir auch weniger Geld an den Kreditgeber überweisen“, sagt er. Und dass eine Maschine geringere Stückzahlen schafft als gewöhnlich, liegt nicht unbedingt an der Auftragslage. „Wenn sich die herzustellenden Teile ändern, müssen die Maschinen während des Arbeitsprozesses häufig umgerüstet werden. Das drosselt vorübergehend die Produktion“, erläutert Hartwich. Grundsätzlich sei es aber auch möglich, sich mit dem Kreditgeber über eine andere Kalibrierung der Parameter zu verständigen, die man liefere. Beispielsweise die Laufzeit der Antriebsspindel. „Da der Pay-per-Use-Kredit etwas Neues ist, befinden wir uns in einem Prozess, den es bei Bedarf weiterzuentwickeln gilt“, sagt der kaufmännische Leiter.

» Wenn es mal schlechter läuft als gedacht und wir weniger Umsatz erzielen, müssen wir auch weniger Geld an den Kreditgeber überweisen. « 
Sven Hartwich, KMB Technologie

Dazu sind die Commerzbank als langjähriger Partner und auch der Hersteller der Maschinen, die EMAG, jederzeit bereit. Das Unternehmen aus Baden-Württemberg stellt Fertigungssysteme für präzise Metallteile her. Mit KMB Technologie ist der Maschinenbauer eng verbunden. Schließlich ist er mit 49 Prozent an KMB Technologie beteiligt. „Durch die Kommunikationsfähigkeit unserer Maschinen schaffen wir zusätzlichen Nutzen für unsere Kunden“, sagt EMAG-Geschäftsführer Claus Mai nicht ohne Stolz. Sein Unternehmen muss gewährleisten, dass die Maschinen an das für den Kreditgeber wichtige Datennetz angebunden sind. „Die kommunizierten Parameter der Maschinen, die wir KMB Technologie verkauft haben, müssen stimmen. Dafür stehen wir gerade“, sagt Mai.

Internet der Dinge als Basis

Das neue Kreditangebot der Commerzbank basiert auf der Idee des Internets der Dinge (Internet of Things, kurz IoT). Damit ist die Vernetzung von Gegenständen gemeint. Diese sind in der Lage, selbstständig miteinander über ein digitales Netz zu kommunizieren und verschiedene Aufgaben zu erledigen. So informieren zum Beispiel Werkstücke über Mikrochips einzelne Maschinen, wie sie bearbeitet werden müssen. Ziel der digitalen Vernetzung ist es, Maschinen gezielter und effizienter einzusetzen. Die zunehmende Vernetzung und Automatisierung von Maschinen im Zeitalter von Industrie 4.0 über das Internet ermöglicht es, auf Maschinennutzungs- und Produktionsdaten zuzugreifen. Damit können zum Beispiel Maschinenhersteller und -nutzer den Einsatz ihrer Maschinen optimieren, Stillstandzeiten minimieren und Wartungszyklen individuell auf die Nutzung anpassen.

Die Commerzbank hat den gemeinsam mit dem Werkzeugmaschinen-Hersteller EMAG entwickelten Prototypen des neuartigen Pay-per-Use-Kredits im September 2018 an den Start gebracht, den KMB Technologie seitdem in Anspruch nimmt. Im Zeitalter von Industrie 4.0 macht das Internet der Dinge dank zunehmender Konnektivität eine Fülle von Daten verfügbar. Dazu gehören vor allem Nutzungsdaten von Maschinen in der Produktion. Dieses innovative Finanzierungsprodukt für Firmenkunden wurde innerhalb der Commerzbank gemeinsam von Big-Data-Exper­ten und dem Segment Firmenkunden entwickelt. Das Geldinstitut hat Anfang 2018 zur zielgerichteten Analyse von großen und komplexen Datenmengen und zur Entwicklung digitaler Produkte den neuen Konzernbereich Big Data & Advanced Analytics gegründet.

Für zyklische Branchen

„Datenbasierte Kredite für Firmenkunden eignen sich insbesondere für zyklische Branchen. Die Automobilindustrie ist dafür ein Paradebeispiel“, sagt Florian Wochner, Digitalisierungsexperte und Projektmanager bei der Commerzbank. Brummt die Konjunktur, sorgen Maschinen für höheren Umsatz. Dann können die Firmen den Kredit zügig und entsprechend kostengünstig abzahlen. Erzielt das Unternehmen mit der vernetzten Maschine weniger Erlös, sinkt auch die monatliche Belastung für das Unternehmen. Im Vergleich zur klassischen Finanzierung ist der Pay-per-Use-Kredit laut der Commerzbank nicht wesentlich teurer.

Wochner räumt jedoch ein, dass sich ein Pay-per-Use-Kredit für Branchen mit geringer Auslastungsschwankung weniger eignet. „Wenn die finanzierten Anlagen unabhängig von der Konjunktur rund um die Uhr laufen, macht ein Pay-per-Use-Kredit natürlich wenig Sinn.“ Besonders interessant sei der Kredit auch für stark wachsende Unternehmen. Wochner und seine Kollegen glauben, dass das Thema künftig bei einigen Mittelständlern großen Anklang finden wird. Solange die Wirtschaft gut läuft, mag der Kredit-nach-Nutzung bei Firmen vielleicht noch nicht ganz oben auf der Agenda stehen. Dies könnte sich jedoch in Abschwungphasen ändern.

„Das Interesse für Pay-per-Use-Kredite dürfte bei mittelständischen Unternehmen durchaus vorhanden sein“, sagt Till Karrer, Partner und Finanzierungsexperte bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG. So habe die aktuelle Ausgabe der KPMG-Studie „European Family Business Barometer“ (EFBB) gezeigt, dass das Thema Data & Analytics bei Familienunternehmen an Bedeutung gewinne. „Familienunternehmen befassen sich hierzulande intensiv mit der digitalen Transformation. Wird über das Internet der Dinge die Liquidität des Unternehmens bei der Finanzierung geschont, kann dies zudem ein guter Grund sein, sich genauer mit solchen Finanzierungen zu beschäftigen.“ Andererseits verweist er auf die Vorsicht von Familienunternehmen, wenn es um die Weitergabe interner Daten geht. „Produktionsstände will nicht jeder transparent machen.“

» Wird über das Internet der Dinge die Liquidität des Unternehmens bei der Finanzierung geschont, kann das ein guter Grund sein, sich genauer mit solchen Finanzierungen zu beschäftigen. « 
Till Karrer, KPMG Technologie

Zugleich hat die KPMG-Studie ergeben, dass Familienunternehmen eine Finanzierung durch eine Bank als attraktivste Option ansehen. Insofern können Karrer zufolge Pay-per-Use-Kredit, Bank und Familienunternehmen durchaus zueinander passen.

Teil der Digitalisierungsstrategie

Auch Nico Peters, geschäftsführender Gesellschafter beim Finanzierungsportal Compeon, kann datenbasierten Krediten etwas abgewinnen. „Am Beispiel eines Pay-per-Use-Kredits sieht man gut, welchen massiven Einfluss die Digitalisierung indirekt auch auf die Finanzierungsebene haben kann.“ Solche Finanzierungslösungen könnten die Zukunft im Kredit- oder Leasingbereich sein, da so eine individuelle, nutzungsbasierte Steuerung des Kapitaldienstes möglich sei. Allein: „Unternehmen ohne IoT-fähige Maschinen müssen nicht auf individualisierte Finanzierungen verzichten. Flexible Angebote im Bereich von Maschinenfinanzierung, -Leasing oder -Mietkauf lassen sich auch über Finanzierungsportale im Internet schnell und sicher abwickeln.“

Jan-Philipp Gillmann, Bereichsvorstand Development & Digitalisation im Segment Firmenkunden der Commerzbank, hebt hervor, dass die Commerzbank mit dem neuen Kredit im Firmenkundengeschäft einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung Industrie 4.0 gemacht habe. „Die gemeinsam entwickelten neuen Lösungen sind für uns ein wichtiges neues Element in unserer Digitalisierungsstrategie. Nach dem vollständig digitalisierten Beratungsprozess für Absicherungsprodukte und dem digitalen Kreditprozess haben wir mit dem Pay-per-Use-Kredit die nächste Innovation bei Finanzierungslösungen für den Mittelstand ausgerollt.“

PAY-PER-USE-KREDIT AUF EINEN BLICK

✪ Tilgungshöhe des Kredits atmet mit Nutzungsgrad der Maschine

✪ Liquiditätsschonung bei geringer Auslastung der Investitionsgüter

✪ Kredit eignet sich in erster Linie für stark wachsende Unternehmen und Sektoren mit einem zyklischen oder saisonalen Geschäftsverlauf

✪ Digitale Vernetzung der Investitionsgüter (Produktionsanlagen) wird vorausgesetzt

✪ Big Data ermöglicht die Entwicklung digitaler Finanzprodukte

Quelle: Creditreform Magazin
Text: Gian Hessami

 

 

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