Kräftiger Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in Europa – Wirtschaftskrise treibt die Insolvenzzahlen

Das Jahr 2008 wird vor allem durch die Zusammenbrüche einstmals namhafter Großbanken sowie den rasanten globalen Konjunkturabschwung in Erinnerung bleiben.

Nachdem viele Politiker, Volkswirte und Banker zur Jahresmitte bereits das Gröbste überstanden sahen, riss die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers in New York im September 2008 den internationalen Bankensektor und mit ihm die globale Wirtschaft vollends in eine bedrohliche Krise. Nur die konzertierten Rettungsaktionen von Regierungen und Notenbanken rund um den Globus konnten die Kernschmelze im Bankensektor gerade noch verhindern. Mittlerweile wurde aber auch die Realwirtschaft von einem globalen Abschwung erfasst, der in seiner Schnelligkeit und Breite bislang ungeahnte Ausmaße angenommen hat. Zuerst traf es exportorientierte Wirtschaftszweige wie die Automobilindustrie. Das Ordervolumen ist regelrecht eingebrochen, die Zahl der Pleiten nimmt rasant zu. Nun kommen die Einschläge auch für die mittelständische Wirtschaft immer näher.

Schaubild

Ausgehend von den USA wurde Europa in der zweiten Jahreshälfte 2008 von der Rezession voll erfasst. In vielen Branchen ist ein Schrumpfungsprozess eingeleitet worden, der noch weit in das Jahr 2009 hineinreichen dürfte. Auch, weil die Verwerfungen an den Kreditmärkten zunehmend auf die Realwirtschaft übergriffen –von sich verschärfenden Kreditkonditionen, über steigende Risikoaufschläge für Unternehmenskredite und Bonds bis hin zur oft zitierten Kreditklemme. All dies schnürte die Kapitalversorgung des Unternehmenssektors ab und erhöhte die Belastungen sowohl für Großunternehmen als auch für die mittelständische Wirtschaft.

Die negativen Auswirkungen des rasanten Wirtschaftsabschwungs für die europäischen Unternehmen ließen sich schon 2008 an den Insolvenzzahlen ablesen. Der seit 2005 anhaltende Trend zu sinkenden Unternehmensinsolvenzzahlen in Europa hat im vergangenen Jahr gedreht. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in den EU-15 Staaten plus Norwegen und der Schweiz ist 2008 auf gut 150.000 Fälle gestiegen. Das entspricht einem Anstieg von knapp elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2007 hatten in Westeuropa rund 135.500 Unternehmen ein Insolvenzverfahren beantragt. Lediglich in drei der 17 untersuchten Länder sind die Insolvenzzahlen im Jahresverlauf rückläufig: Die Niederlande, Luxemburg und die Schweiz verzeichneten 2008 noch einmal weniger Unternehmenspleiten als im Jahr zuvor.

Verdopplung in Spanien und Irland

Den höchsten Anstieg weist mit einem Plus von 138,6 Prozent auf 2.100 Fälle Spanien auf. Es folgen Irland mit einer Zunahme von 120,8 Prozent auf 700 (Vorjahr: 317 betroffene Betriebe) und Dänemark mit einem Anstieg von 54,5 Prozent auf 3.710 Insolvenzen (Vorjahr: 2.401). Die dramatische Entwicklung zeigt, dass diese europäischen Staaten bereits 2008 voll vom globalen Wirtschaftsabschwung und den härteren Finanzierungsbedingungen für Unternehmen erfasst wurden. In der Mehrzahl der westeuropäischen Länder ist die Insolvenzwelle allerdings noch nicht mit voller Wucht angekommen. Die höchste relative Insolvenzbetroffenheit (Zahl der Unternehmen eines Landes im Verhältnis zur Zahl der Firmenpleiten des betreffenden Landes) weisen Luxemburg (233 Insolvenzen pro 10.000 existente Unternehmen), Österreich (224) und Frankreich (215) auf. Die durchschnittliche Insolvenzquote Westeuropas liegt bei 83 insolventen Betrieben pro 10.000 Unternehmen. Deutschland erreicht mit einer Quote von 96 einen leicht über dem Durchschnitt liegenden Wert.

Verschnaufpause bei den Privatinsolvenzen

Während die Zahl der Unternehmenspleiten im Jahr 2008 deutlich anstieg, war die Zahl der Privatinsolvenzen leicht rückläufig. In den Ländern, über die eine entsprechende Zeitreihe vorliegt, wurden 3,6 Prozent weniger Schuldenbefreiungsverfahren gezählt als im Jahr zuvor. Dieser Trend ist vor allem auf die Entwicklungen in Deutschland und den Niederlanden zurückzuführen. So verringerten sich in Deutschland die Privatinsolvenzen im Jahresverlauf um 6,4 Prozent auf 126.900 Betroffene. In den Niederlanden sank die Zahl aufgrund gesetzlicher Änderungen um 36,9 Prozent. Finnland (plus 24,7 Prozent) und Österreich (plus 11,0 Prozent) verzeichneten dagegen eine Zunahme der Privatinsolvenzen. Insgesamt meldeten 2008 in Westeuropa 291.380 (Vorjahr: 302.392) natürliche Personen den zuständigen Stellen ihren wirtschaftlichen Zusammenbruch. Bezieht man die Zahl der Verbraucherinsolvenzen eines Landes auf die jeweilige Einwohnerzahl, erhält man die relative Insolvenzbetroffenheit. In Finnland und Großbritannien sind im vergangenen Jahr 22 bzw. 20 von 10.000 Einwohnern in die Insolvenz gegangen. In den Niederlanden waren es dagegen nur sechs. Deutschland liegt mit 15 im europäischen Mittelfeld.

Mehr Arbeitsplatzverluste durch Insolvenzen

Die Zahl der durch die Insolvenz des Arbeitgebers bedingten Arbeitsplatzverluste stieg im Jahresverlauf 2008 parallel zur Zunahme der Unternehmensinsolvenzen und liegt europaweit bei 1,4 Millionen. 2007 waren 1,2 Millionen Arbeitnehmer von der Insolvenz ihres Arbeitgebers betroffen. Den größten Anteil am Insolvenzgeschehen in Europa hat die Dienstleistungsbranche: Durchschnittlich 36,4 Prozent (Vorjahr: 34,3 Prozent) aller Unternehmenszusammenbrüche betrafen Unternehmen aus dieser Branche. Der zunehmende Anteil des Sektors ist auf die deutlich erhöhten Insolvenzquoten im von Finanzkrise und Konjunkturabschwung besonders betroffenen Transportsektor, der Immobilienwirtschaft und den unternehmensnahen

Dienstleistern zurückzuführen. Erhöht hat sich auch der Anteil des Bausektors: Kamen im vergangenen Jahr noch 17,6 Prozent aller Konkurse aus der Baubranche, so sind es aktuell schon 19,3 Prozent. Mit lediglich elf Prozent (Vorjahr: 12,4 Prozent) ist das Verarbeitende Gewerbe am geringsten am Konkursgeschehen beteiligt. Der Handel stellt ein Drittel (33,3 Prozent; Vorjahr: 35,7 Prozent) des  Insolvenzgeschehens. Die USA stecken seit rund einem Jahr in der wohl schwersten

Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Abschwung hat auch den Unternehmenssektor erfasst und 39.950 Unternehmen in die Pleite gerissen. Im Vorjahr waren lediglich 28.322 Betriebe betroffen gewesen. In Japan schließlich stiegen die Unternehmenskonkurse im Verlauf des Jahres 2008 um deutliche 15,7 Prozent an und liegen aktuell bei knapp 12.700 betroffenen Unternehmen.

Auch in den mittel- und osteuropäischen Staaten Estland, Lettland, Litauen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn nahm die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Lauf des Jahres 2008 zu: Knapp 21.600 Konkurse waren zu zählen. Das entspricht einem Anstieg von 11,6 Prozent. Die aufstrebenden Länder Osteuropas, die ein wichtiger Fertigungsstandort für den Exportmarkt sind, bleiben von der globalen Wirtschaftskrise und dem Einbruch der Auslandsbestellungen nicht unberührt. Einen überdurchschnittlichen Anstieg der Insolvenzmeldungen verzeichneten Slowenien (plus 17,3 Prozent auf 657 Fälle) und Ungarn (plus 16,4 Prozent auf 11.322 Fälle). Auf 10.000 Unternehmen kommen in den baltischen Staaten Litauen (115), Estland (108) und Lettland (99) die meisten Firmenzusammenbrüche.

Dass dieser Trend sich 2009 wahrscheinlich fortsetzen wird, lassen nicht zuletzt die aktuellen Großpleiten rund um den Globus erahnen. Ob General Motors in den USA oder Arcandor und Co. in Deutschland – die Entwicklungen der letzten Wochen verheißen nichts Gutes. Entsprechend gestalten sich die Prognosen für das laufende Jahr. Die Creditreform Wirtschaftsforschung rechnet mit einem Anstieg in Deutschland auf 33.000 bis 35.000 Insolvenzen in 2009.

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