Creditreform-Studie zur Verschuldung deutscher Unternehmen

Auf Basis einer Bilanzanalyse deutscher Unternehmen (Kapitalgesellschaften) soll im Folgenden die Verschuldung bzw. mögliche Überschuldungstendenzen der deutschen Unternehmen sowie die Entwicklungen im Zeitablauf beurteilt werden.

Eine erste wichtige Kennzahl zur Abschätzung der finanziellen Belastung der Unternehmen ist der Verschuldungsgrad, der das Verhältnis von Fremdkapital zu Eigenkapital darstellt. Dabei wird ein Verschuldungsgrad von höchstens 2 normalerweise als nicht risikoerhöhend angesehen. Das heißt, die Verbindlichkeiten des Unternehmens betragen dann nicht mehr als das Doppelte des Eigenkapitals. Daraus abgeleitet ergibt sich eine Eigenkapitalquote von zumindest 30 Prozent als ausreichend. Bei einem Verschuldungsgrad von größer als 9, mithin bei einer Eigenkapitalquote von unter 10 Prozent, ist hingegen Vorsicht geboten. Denn: Ein hoher Verschuldungsgrad ist mit hohen Zinsverpflichtungen verbunden, die die Ertragskraft belasten und die Unternehmensstabilität bedrohen. Zudem wachsen die Abhängigkeit vom Kreditgeber und die Anfälligkeit für Veränderungen der Finanzierungsbedingungen.

Die Daten für das Bilanzjahr 2017 zeigen: Zwei Drittel der untersuchten aktiven Unternehmen (64,4 Prozent) weisen ein gesundes Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital (Verschuldungsgrad) von höchstens 2 zu 1 auf. Der gesamtwirtschaftliche Durchschnitt liegt bei 1,7. Fast jeder Zweite (46,5 Prozent) besitzt sogar mehr Eigen- als Fremdkapital (Verschuldungsgrad kleiner als 1). Bei einem Viertel der Unternehmen liegt der Verschuldungsgrad indes bereits zwischen 2 und 9, und gut jedes zehnte Unternehmen (10,6 Prozent) besitzt einen sehr hohen Verschuldungsgrad. Diese Unternehmen haben ihre Vermögenswerte zu einem Großteil mit Fremdkapital finanziert. Nur bei stabil hohen Erträgen kann der Schuldendienst bedient werden.

In der zeitlichen Entwicklung lässt seit dem Jahr 2009 trotz historisch niedriger Kreditzinsen tendenziell keine Ausweitung der Verschuldung in der deutschen Wirtschaft feststellen. Noch im Krisenjahr 2009 wiesen 15,8 Prozent der Unternehmen einen kritischen Verschuldungsgrad und damit ein deutliches Fremdkapitalübergewicht auf. Deutlich weniger Unternehmen als derzeit, nämlich nur gut die Hälfte (53,3 Prozent), hatten einen Verschuldungsgrad von 2 oder niedriger.

Stellt man den aktiven, „lebenden“ Unternehmen die insolventen Unternehmen gegenüber, zeigt sich der enge Zusammenhang zwischen der Höhe des Verschuldungsgrades und einer künftigen Zahlungsunfähigkeit. So übersteigt bei mehr als jedem vierten insolventen Unternehmen (27,2 Prozent) der Verschuldungsgrad den Wert von 9 bzw. das Eigenkapital ist ganz aufgebraucht oder gar negativ. Diese Unternehmen zeigten demnach bereits im letzten verfügbaren Bilanzjahr vor der Insolvenz deutliche Überschuldungsmerkmale. Umgekehrt wiesen nur wenige Unternehmen, die später Insolvenz anmelden mussten, im Vorfeld eine geringe Verschuldung auf (8,9 Prozent).


Zusätzlich zur rein statischen Analyse der Verschuldung anhand der Relation von Fremd- zu Eigenkapital soll im Folgenden die Ertragskraft des Unternehmens einbezogen werden und damit dessen Fähigkeit, die Gläubiger zu bedienen. Dabei gibt die Schuldentilgungsdauer (auch dynamischer Verschuldungsgrad genannt) an, wie lange es dauert, mit dem verfügbaren Cashflow die Schulden vollständig zu tilgen. Vorausgesetzt wird dabei ein konstanter Cashflow bzw. Jahresüberschuss im Zeitablauf.


Die Kreditwürdigkeit bzw. Bonität eines Unternehmens ist umso höher, je schneller es seine Schulden zurückzahlen kann. Eine hohe Verschuldung führt bei einem hohen Cashflow also nicht zwingend zu einer kritischen finanziellen Belastung. Als kritisch wird gemeinhin angesehen, wenn die Schuldentilgungsdauer elf Jahre übersteigt. Können die Kredite also nicht innerhalb von elf Jahren mit den zufließenden Mitteln aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit des Unternehmens getilgt werden oder wird gar ein negativer Cashflow erzielt, hat das Unternehmen Handlungsbedarf. Auch beim Kreditgeber sollten nun erste Warnlampen leuchten. Dagegen wird ein dynamischer Verschuldungsgrad bis 3 Jahre als sehr guter Wert angesehen. Zum Vergleich: Der gesamtwirtschaftliche Durchschnittswert liegt bei 5 Jahren.

Die Bilanzauswertungen zeigen: Die Schuldentilgungsdauer als Verhältnis von Fremdkapital zu Cashflow liegt bei vielen deutschen Unternehmen im Normalbereich. Rund jedes dritte Unternehmen (32,0 Prozent) kann bei konstanter Wirtschaftslage spätestens nach drei Jahren die vorhandenen Schulden zurückzahlen. Weitere 15,8 Prozent der Unternehmen schaffen das zumindest innerhalb von fünf Jahren. 22,6 Prozent der untersuchten Unternehmen weisen aber ein ungünstiges Verhältnis von Fremdkapital und Erträgen auf (Schuldentilgungsdauer länger als elf Jahre). Einige Unternehmen (6,7 Prozent) hatten im Betrachtungsjahr operativ sogar einen Verlust erwirtschaftet. Hier konnte aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit kein Beitrag zum Schuldenabbau geleistet werden. Auch das ist ein Zeichen möglicher finanzieller Instabilitäten, vor allem, wenn dieser Zustand anhält.

Dagegen wies in der Gruppe der insolventen Firmen erwartungsgemäß die überwiegende Mehrzahl (63,5 Prozent) im letzten verfügbaren Jahresabschluss eine Schuldentilgungsdauer von über elf Jahren auf bzw. der Cashflow war negativ und konnte gar nicht zur Schuldentilgung herangezogen werden. Das geschäftliche Aus war damit unvermeidbar.

In den Hauptwirtschaftsbereichen zeigt sich ein differenziertes Bild der aktuellen Unternehmensverschuldung bzw. -überschuldung. Im Baugewerbe und im Handel beispielsweise weisen vergleichsweise viele Unternehmen (27,7 bzw. 30,8 Prozent) eine hohe Schuldentilgungsdauer von über elf Jahren auf. Eine hohe Schuldentilgungskraft kann indes dem Verarbeitenden Gewerbe sowie dem Dienstleitungsgewerbe attestiert werden. Etwa jedes dritte Unternehmen aus diesen Wirtschaftsbereichen (37,1 bzw. 33,8 Prozent) kann innerhalb von drei Jahren sämtliche Schulden zurückzahlen.

In den letzten Jahren zeigte sich eine Verbesserung der Unternehmensstabilität. Die Unternehmen können heute ihre bestehenden Verbindlichkeiten schneller abbauen als noch im Jahr 2009. Wesentlicher Grund hierfür dürfte die verbesserte Ertragskraft im Zuge der guten Wirtschaftslage sein. So konnte noch 2009 gut jedes zehnte Unternehmen (10,4 Prozent) gar keinen positiven Cashflow erwirtschaften, um Kreditzinsen und -tilgungen zu leisten.

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